Freitag, 11. Dezember 2020

Nachtfotografie

Der Kamerakönig

 
Wer schreitet durch Kälte und Nacht gar spät?
Es ist der Tim mit seinem Gerät;
Er hat die Kamera wohl in dem Arm,
Er fasst sie sicher, er hält sie warm.
 
Sternenhimmel nach Mobiltelefon

Mein Ding, was birgst du so bang dein Objektiv? –
Siehst, Tim, du das Sternenmotiv?
Den Stern mit Aura und Schweif? –
Mein Ding, da ist ein Nebelstreif. –
 

 

„Du liebes Ding, komm, Blitz mit mir!
Gar schöne Bilder mach’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen und grünen Wald,
Lichten wir ab, des Nachts so kalt.“ –
 

 

Mein Tim, mein Tim, und hörest du nicht,
Was das Sternlein mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Ding;
Dein Verschluss macht nur sehr langsam kling.
 



 
 „Willst, feines Gerät, du mit mir gehn?
Meine Töchter kannst du aufnehmen schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –
 

 

Mein Tim, mein Tim, und siehst du nicht dort
Sternleins Töchter am düstern Ort? –
Meine Kamera, ich seh’ es genau:
Es ist alles so unscharf, mir wird gar flau." –
 



„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Tim, mein Tim, jetzt fasst es mich an!
 Sternlein hat mir ein Leid getan! –
 

 

Dem Tim grauset’s; er schreitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Ding,
Erreicht das Heim vor Kälte schwer,
In seinen Händen der Akku war leer.
 

 

 
(Sehr frei nach: "Der Erlkönig" von Göthe)

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